Mittwoch, 16. Januar 2008

Mit anderen Augen sehen....

...wollte ich einen Blog benennen, auf dessen Thema ich heute Mittag
gekommen bin. Dass es aber auf eine solche Doppeldeutigkeit hinauslaufen
würde, hätte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht, aber jetzt
passt der Titel um so besser ;-)
Das eigentliche Thema, das ich behandeln wollte, waren meine beiden
Besuche im "afrikanischsten" und "chaotischsten" Viertel in Dar Es
Salaam. Es heißt Kariakoo und es gibt dort Unmengen von verschiedensten
Läden, die, soweit ich das überblickt haben, so gut wir nur gefälschte
Produkte verkaufen. Diese Vielfalt habe ich mir zunutze gemacht, um
bestimmte Sachen wie beispielsweise Heißkleberpistole und andere
"exotische" Dinge zu kaufen, die sonst nicht erhältlich sind. So habe
ich gestern und heute jeweils fast den ganzen Tag in diesem großen und
unübersichtlichen Viertel verbracht. Gestern wurde gleich zwei mal auf
ziemlich dreiste Art versucht, mir mein Handy zu stehlen, was ich aber
jeweils schon früh gemerkt habe und es zum Glück nicht so weit kam.
Momentan kann ich mein Handy leider nicht wirklich benutzten, da der
Joystick immer noch seinen Winterschlaf hält, aber der materielle und
informelle Verlust wäre doch ziemlich groß. Allerdings muss ich auch
erwähnen, dass ich das Handy einmal herausgeholt hatte, um ein Foto zu
schießen und somit die Leute wussten, womit ich in meinen Taschen so
herumlaufe....Im Folgenden war ich dann noch vorsichtiger und ich habe
das Gefühl, wenn man durch solch "gefährliche" Viertel geht (Vielen
Weißen wird von einem Besuch Kariakoos abgeraten) und achtsam ist, ist
die Gefahr dennoch nur klein, bestohlen zu werden.
Das Foto zeigt die Umgebung des Haupt-Obstmarktes, ein bisschen
beeinflusst von den starken Regenfällen am Vormittag, wodurch an manchen
Orten die gesamte Straße mehr als einen halben Meter unter Wasser stand.
Hier ist es insgesamt am geschäftigsten und irgendwie auch am
unübersichtlichsten, was die Diebe wohl bei mir auch auzunutzen versucht
haben. Am gestrigen Nachmittag habe ich diesen Platz nochmal von der
Ferne gesehen und mich von ihm fern gehalten, denn es gab Unruhen, bei
denen Tische durch die Gegend geworfen wurden. Da blieb ich lieber fern
und hielt Sicherheitsabstand, denn wer weiß, was passiert wenn plötzlich
ein Weißer in der Nähe ist....Zumindest habe ich dann heute in der
Zeitung gelesen, dass die Unruhen aufkamen, weil die Regierung die
"illegalen" Händler vor dem Markt geräumt hatte. Und das mit einer
Polizeihundertschaft und Bulldozern....Ein Tansanier erklärte mir, dass
diese Händler keine Steuern/Gebühren bezahlen und sich auch nicht um
eine halbwegs akzeptable Müllentsorgung kümmern, die es gibt, wenn sie
auch keine wirklichen optischen Auswirkungen hat ;-). Unter diesem
Aspekt kann ich das forsche Vorgehen sogar irgendwie verstehen, bewerten
kann und will ich es aber erst gar nicht.
Ich habe gestern bewusst versucht, mich auf die Menschen einzulassen,
bin absichtlich langsamer und gelassener gelaufen und das war schon ein
besonderes Erlebnis: Nicht so wie vor vier Monaten, als ich von Dar mehr
oder weniger geschockt und überrumpelt war und mich gar nicht erst auf
die Situation eingelassen hatte, erging es mir. Vielmehr hatte ich das
komische, unbeschreibliche Gefühl, die Menschen hier irgendwie zu
verstehen und nicht mehr nur ein weißer Fremdkörper in diesem
aufregenden Gewusel unzähliger Menschen zu sein. Das mag auch daran
gelegen haben, dass ich mich auf Gespräche mit vielen Menschen
eingelassen habe. Natürlich musste ich immer zuerst erzählen, was ich
denn hier so mache und ob es in Mafinga wirklich so kalt ist (Was ich
verneine), aber ich habe jedes Mal auch etwas von den Menschen erfahren
und das war wirklich interessant. So kann man sich gut bei Erdnusssnacks
und frischem arabischen Kaffee auf den Bordstein setzen, mit den Leuten
reden und einfach mal ein bisschen die Seele baumeln lassen, ganz ohne
Edel-Lounge mit Ledersofas und aromatisiertem Kaffee^^, die aber
durchaus auch ihre Vorzüge hat :-). Dann kann man auch erkennen, dass
hier wirklich viel los ist und einiges an Geschäft gemacht wird, denn
auf den Straßen herrscht auch während der Geschäftszeiten ein reger
Warenfluss.
Mit der gleich Einstellung bin ich auch heute nach Kariakoo gekommen,
doch sie änderte sich recht schnell. Allerdings nicht durch Klauversuche
sondern dadurch, dass ich ab Mittag leichte Schmerzen in den Augen
hatte, die auch Oli seit gestern plagen. Ich habe mir also ein
Sonnenbrille gekauft (Dabei darauf geschaut, dass die Gläser nicht allzu
stark getönt sind, denn das schadet den Augen. Sie öffnen sich wegen des
fehlenden Lichtes mehr und lassen damit auch mehr schädliche
UV-Strahlung einfallen, denn diese wird durch die billigen fake-Brillen
(die es hier nur gibt) nicht herausgefiltert...Danke für den Tipp, Anouk
;-) )
Mit dem Aufsetzen der Brille hat sich komischerweise einiges bei mir
geändert: Da ich meine Gesundheit nun plötzlich ein bisschen bedroht
fühlte, sah ich all den Schmutz in den Straßen, die Luft kam mir gleich
viel staubiger vor und jeder Lastwagen war eine kleine Bedrohung für
meine (noch) ungeteerten Lungen.... Dass das alles so schnell, praktisch
in einem Augenblick, passierte überraschte mich, vielmehr aber noch die
Tatsache, dass ich mir der Wandel geistesgegenwärtig war. (Es gibt ja
die Metapher der "rosaroten Brille". Daran ist scheinbar auch in
Wirklichkeit was dran, wenn es bei mir auch im umgekehrten Sinne war) So
konnte ich zum Glück bewusst damit umgehen und nicht allzuviel
Subjektivität in meine Wahrnehmung einfließen lassen (Aber was wäre
jetzt in diesem Fall Ojekt-/Subjektivität???).
Ein weiterer Aspekt der Brille ist, dass man sich damit gefühlsmäßig
eher von seiner Umgebung absetzt. Bei Gesprächen habe ich die Brille mal
absichtlich aufgelassen, stellte aber dann schnell fest, dass ich dann
gar nicht mehr als vollwertiger Gesprächspartner wahrgenommen wurde.
Ganz allgemein finde ich diesen Wahrnehmungswandel ziemlich krass, auch
wenn man alle drei Situationen (vor 4 Monaten, gestern und heute)
vergleicht. Wie leicht man sich bei einer kleinen Verletzung bedroht
fühlen kann und wie enorm sich dann die Ausstrahlung ändert, hätte ich
wirklich nicht erwartet. Denn ich habe mich von meinem ganzen Verhalten
her deutlich zurückgezogener als vorher erlebt.
Zumindest bin ich dann, auch meinen Augen zuliebe, recht bald wieder
zurückgefahren, aber aufgrund der großen Staus trotzdem erst in der
Dunkelheit (I wore my sunglasses at night ^^) angekommen. Ich habe,
recht unüblich für mich, die ganze Fahrt aus dem Fenster geschaut und
Musik gehört, aber ich hatte wirklich keine Lust, kuongea na watu (mit
den Menschen zu reden)
Da es gestern geregnet hatte waren heute die Sraßen übersät mit
Kumbi-Kumbi-Insekten, so dass sie praktisch einen zweiten Belag
bildeten. Woher diese Massen immer wieder auftauchen ist mir wirklich
ein Rätsel, aber Glück nerven diese Viecher nicht so stark wie die
Bumbumkäfer ;-).
Ausserdem habe ich in Kariakoo nach langem Suchen einen
Waschmaschinenmotor gefunden. Wer hätte gedacht, dass es soetwas hier
gibt...zumindest können wir nun endlich noch mit einem zweiten Typ von
Generator arbeiten, was es aber noch ein bisschen schwieriger gestalten
wird, die Handwerker wirklich in unsere Arbeit miteinzubinden, denn sie
wird immer umfassender und wenn die Schüler jetzt wieder an die Schule
kommen haben die Handwerker auch anderes zu tun, als mit uns an
verschiedenen Generatortypen zu basteln. Aber irgendwie werden wir das
schon hinbekommen :-). Damit können wir vielleicht auch einige Probleme
unseres ersten Windrades lösen...Ihr könnt ja schon mal gespannt sein ;-).
So und nun noch zu meinen Augen....Was heute Mittag in K/Koo langsam
angefangen hat, hat sich den Tag über ziemlich verschlimmert. Die Augen
sind rot angelaufen, ich habe das Gefühl von einem leicht überhöhten
Augeninnendruck und auch die Nase läuft ziemlich nach deutscher
Wintermanier. Oli geht es da noch ein bisschen schlechter, in plagen
dazu noch Hals- und Kopfschmerzen. Wir sind also ziemlich flach gelegt
worden. Da ich wissen wollte, wovon überhaupt, bin ich in das
nahegelegene Krankenhaus und habe mich mit dem Arzt unterhalten. Er
meinte, es sein eine Infektion des wirklich passend benannten
Virus?"Red-Eye-Virus". Dieser ist momentan hier in Dar ziemlich am
grasieren, wie wir auch festgestellt haben, als uns andere Deutsche
besuchten, bei denen es noch schlimmer aussah. Dass das Auge recht tränt
hat der Arzt auf eine Bakterieninfktion geschoben, die mit dem Virus
einher ging. Diesen ansteckenden Virus kann man viel leichter verbreiten
als es einem lieb ist, es reicht schon ein einfaches Händeschütteln oder
ein Gespräch. So hoffen Oli und ich, dass wir nicht unsere Dar?er
Gastgeber auch angesteckt haben....Natürlich sind wir auch schon in
Behandlung, es besteht also kein Grund zur Sorge. Antibiotische
Augentropfen (aus Pakistan!) sollen uns wieder einen klareren Blick
ermöglichen.
Nun möchten wir aber so schnell wie möglich dieser recht dreckigen Stadt
entfliehen, so dass morgen hoffentlich alles klappt und wir endlich
wieder in unserem Luftkurort sein können :-)
So jetzt habe ich mal wieder viel zu viele Themen auf einmal
geschildert, aber sie hängen ja doch irgendwie zusammen und ich wollte
es nicht noch mehr "ausfransen" lassen.
Rotaugige und verschnupfte Grüße aus Dar Es Salaam,

Eure "Virenschleuder"^^ Felix

1 Kommentar:

Jakob hat gesagt…

Gute Besserung Alder!

Mein Seminar war übrigens super, ich war in so einem Filmworkshop und wir haben einen Kurzfilm zum Thema "Identität" gedreht, was viel Spaß gemacht hat, auch wenn ich nie wieder einen Film cutten will...
Aber allein schon mit den ganzen Leuten, die ich teilweise auch meine Freunde nenne zusammen zu sein war super spaßig!

Schöne Grüße, morgen ist Skiabo, ich schick dir dann Impressionen

Jakob